Immer wieder die gleichen Aussagen. KI-Beiträge. KI-DMs. KI-Bilder. KI-Kommentare…Es nervt ziemlich viele Menschen gerade richtig.

Aber ich glaube, dass wir uns teilweise am falschen Problem aufhalten.

Denn KI ist nicht automatisch das Problem.

Ich kenne wunderbare Creator aus dem KI-Bereich, deren Beiträge richtig gut sind. Da steckt eine eigene Meinung drin, Erfahrung, Arbeit, manchmal Recherche und vor allem ein Mensch, der sich vorher Gedanken gemacht hat, was er eigentlich sagen möchte.

Und dann gibt es eben die andere Seite.

Massenbeiträge. Austauschbare Kommentare. 30 DMs am Tag, bei denen nur noch der Vorname ausgetauscht wird. Bilder von Menschen, die aussehen wie sie selbst, nur irgendwie zehn Jahre jünger, ausgeschlafener und mit verdächtig perfekter Haut.

Das Problem ist für mich also weniger die KI.

Das Problem beginnt dort, wo wir das Denken an sie abgeben.

Und weil mich gerade genau diese Mischung aus KI, Sichtbarkeit, Menschen, Algorithmen und Sicherheit beschäftigt, wollte ich unbedingt mit jemandem sprechen, der seit über 25 Jahren IT und Cyberkram förmlich inhaliert.

Also habe ich mir Reinhold geschnappt.

IT-Socializer, Gründer des DSlam und einer dieser Menschen, bei denen IT plötzlich nicht mehr klingt, als müsste man vorher drei Kaffee trinken, um wach zu bleiben.

Und irgendwann in unserem Gespräch waren wir bei einer Frage, die eigentlich ziemlich simpel klingt.

Wie viel von uns sollten wir online überhaupt zeigen?

Denn auf der einen Seite wollen wir sichtbar sein.

Personal Brand aufbauen. Vertrauen schaffen. Menschen erreichen. Kunden gewinnen.

Auf der anderen Seite hinterlassen wir mit jedem einzelnen Beitrag Informationen über uns. Und manchmal deutlich mehr, als in dem Text steht.

Die Fake-Online-Version

Reinhold erzählte mir von Menschen, die er irgendwann offline trifft, nachdem er sie teilweise monatelang auf LinkedIn gesehen hat.

Und dann passiert etwas Interessantes.

Die KI schmeichelt uns nämlich ziemlich gerne.

Die Haut wird etwas glatter, das Gesicht ein bisschen definierter, wir werden etwas schlanker und Männer gerne noch ein kleines bisschen breiter und muskulöser.

Eigentlich nett von der lieben KI.

Nur sitzt irgendwann ein echter Mensch vor einem echten Menschen.

Und dann könnte das Vertrauen schneller verschwunden sein, als man gucken kann.

Das gilt übrigens nicht nur für Bilder.

Wenn deine Texte klingen wie die Keynote eines amerikanischen CEOs, du im Gespräch aber vollkommen anders sprichst, passiert dasselbe.

Wenn du auf jedem KI-Bild durch New York, Paris und Dubai hüpfst, dein Leben aber eigentlich ganz anders aussieht, passiert dasselbe.

Wenn dein Online-Ich souveräner, erfolgreicher, schöner, intelligenter und weltgewandter ist als dein Offline-Ich, baust du über Monate Vertrauen in eine Person auf, die es so gar nicht gibt.

Und dann reicht manchmal eine Begegnung, damit dieses kleine Kartenhaus anfängt zu wackeln.

Denn Vertrauen entsteht nicht nur dadurch, was wir behaupten. Es entsteht dadurch, dass die einzelnen Berührungspunkte zusammenpassen.

Bild, Text, Video, Zoom-Call, Telefonat, ….

Und irgendwann vielleicht der Kaffee im echten Leben.

Je weniger Überraschungen es dabei gibt, desto weniger Gründe lieferst du einem Menschen, an dir zu zweifeln.

Vielleicht ist genau das in einer Welt voller KI sogar ein ziemlich großer Wettbewerbsvorteil.

Wir reden ständig über „den Algorithmus“

Das war der nächste Punkt unseres Gesprächs, bei dem meine Augen groß geworden sind.

Reinhold hat The Social Dilemma erwähnt. Eine Doku, die ich tatsächlich jedem empfehlen würde, der täglich auf Social Media unterwegs ist und vielleicht sogar sein Business darauf aufbaut.

Denn wir sprechen immer so selbstverständlich davon, „den Algorithmus zu verstehen“.

Poste zu dieser Uhrzeit. Kommentiere vorher dort. Und, bloß nicht zwei Wochen verschwinden, sonst ist dein Algorithmus kaputt.

Dabei besteht das Ganze aus unterschiedlichen Systemen und Gewichtungen, die sich verändern können.

Wir beobachten Korrelationen und machen daraus gerne Regeln. Das ist nicht dasselbe.

Und noch spannender finde ich den Gedanken:

“Social Media entwickelt sich zu Interest Media

Früher war der Gedanke ziemlich simpel.

“Ich folge dir, also sehe ich dich.”

Heute kann ich dir folgen und trotzdem kaum etwas von dir sehen. Gleichzeitig bekomme ich Menschen in meinen Feed gespült, denen ich noch nie begegnet bin.

Warum?

Weil das System gelernt hat, womit es meine Aufmerksamkeit bekommt.

Und jetzt kommt der Teil, den wir gerne vergessen.

Das muss nicht das sein, was mir guttut.

Es muss nur das sein, was mich dableiben lässt.

Wenn du dich jeden Morgen über den Typen mit seinem AMG, seiner Rolex und seinen sieben Millionen Monatsumsatz aufregst, seinen Beitrag komplett liest und danach noch einen wütenden Kommentar daruntersetzt, hast du dem System nicht gesagt:

„Bitte zeig mir diesen Typen NIE wieder.“

Du hast ihm ungefähr gesagt:

„GEIL. Davon bitte mehr.“

Der Algorithmus kennt deine moralische Bewertung nicht. Er sieht dein Verhalten.

Und deshalb ist auch unser eigener Feed zu einem gewissen Teil etwas, das wir selbst mittrainieren.

Vielleicht sollten wir also weniger darüber schimpfen, was uns ständig angezeigt wird, und öfter weitersollen.

Denn unsere Aufmerksamkeit ist mittlerweile eine ziemlich wertvolle Währung.

Social Media hätte ganz anders aussehen können

Facebook und andere soziale Netzwerke waren einmal vor allem dafür gedacht, Menschen miteinander zu verbinden.

Irgendwann musste dieser ganze Spaß natürlich finanziert werden.

Server, Mitarbeiter, Entwicklung, … das kostet alles Geld.

Werbung war eine Möglichkeit. Aber eben nicht die einzige denkbare.

Man hätte auch sagen können, dass Menschen für die Nutzung bezahlen. Einfach ein paar Euro im Monat.

Keine Ahnung, ob sich dieses Modell durchgesetzt hätte.

Aber stell dir nur mal kurz vor, es wäre so gekommen. Dann wäre der wirtschaftliche Anreiz ein vollkommen anderer gewesen.

Heute ist unsere Aufmerksamkeit Teil des Geschäftsmodells.

Je länger wir bleiben, desto mehr Werbung kann ausgespielt werden. Und plötzlich ergibt auch viel von dem Sinn, was wir heute in unseren Feeds erleben.

Mein letzter Point

Wir verraten ziemlich viel über uns

Denn ich beschäftige mich viel mit Sichtbarkeit. Und natürlich sage auch ich Menschen:

Zeig dich, sei persönlich und lass Menschen wissen, wer hinter deinem Unternehmen steckt.

Aber persönlich bedeutet nicht privat bis auf die Unterhose.

Reinhold brachte ein ziemlich simples Beispiel.

“Du erzählst seit Monaten, dass du im Homeoffice arbeitest. Vielleicht sieht man sogar regelmäßig dein Arbeitszimmer. Dann schreibst du irgendwann: „Endlich! Drei Wochen Patagonien. 🥰“ …. Und gleichzeitig hast du gerade öffentlich kommuniziert, dass du drei Wochen nicht dort bist, wo du normalerweise bist.”

Und dann könnte es sein, dass deine private Anschrift im Impressum deiner Website steht oder Menschen wissen, dass dein Unternehmen zu dieser Zeit leer steht.

Plötzlich ist der Urlaubsbeitrag nicht mehr nur ein Urlaubsbeitrag.

Weißt du?

Hmmm … vielleicht ist die Frage beim Posten ziemlich simpel:

Welche Informationen kann jemand aus diesem Beitrag ziehen, die ich eigentlich gar nicht erzählen wollte?

Mehr braucht es manchmal gar nicht, oder?

Oft reicht es: Den Hintergrund unscharf machen, Lesezeichenleiste bei Bildschirmaufnahmen ausblenden oder Urlaubsbilder vielleicht erst posten, wenn man wieder zu Hause ist.

Mein Fazit

Ich werde nicht aufhören, Dinge aus meinem Leben zu erzählen.

Ich werde KI ganz sicher nicht aus meinem Leben verbannen.

Aber vielleicht müssen wir in einer Welt, in der wir immer digitaler werden, nicht ängstlicher werden.

Sondern bewusster.

Was gebe ich raus?

Warum gebe ich es raus?

Was passiert im schlechtesten Fall damit?

Und kann ich damit leben?

Wenn ja … raus damit.

Wenn nein … vielleicht “kurz den Helm” aufsetzen.

Ha Ha .. Die Helm-Metapher verstehst du, wenn du ins Video Klickst. 😅

Jetzt online auf YouTube mit Reinhold Nawroth

Wir sind ziemlich tief in LinkedIn, Algorithmen, KI, Cybersecurity, Datenschutz, Verifizierung, Cookies, Sichtbarkeit und Vertrauen reingegangen.

Na dann, have fun und

Good luck, my friend 🙃

Love,

- Kristin