Die psychologische Falle der Sichtbarkeit

Warum Sichtbarkeit dich sicher fühlen lässt - und leer macht

Gerade einen 9,5-km-Lauf beendet.
Endorphine fluten mein System, alles fühlt sich klarer, schärfer an.
Die Beine brennen, aber auf diese gute Art, die dich daran erinnert, dass du lebst.
Die extreme Winterkälte brennt zusätzlich, als ich in mein Zuhause eintrete.

Mit schwarzem Kaffee mit Zimt schaue ich auf die Straßen.
Ich sitze da, weil mein Kopf diesen Lauf noch verarbeitet.

Ich bin unterwegs an mehreren Menschen vorbeigekommen.
Die meisten Anfang 20, andere Mitte 30 vielleicht.
Über ein Drittel blieb alle paar Schritte stehen, um mit ihren Handys ein Selfie von sich mit Sonnenaufgang zu machen.
Einer war im Sportoutfit, rannte ein Stück, nahm sich dabei auf … den Rest des Weges ging er.
Wenn keine Bilder gemacht wurden, tippten sie beim Gehen auf ihr Handy.
Niemand wirkte wirklich anwesend.
Wie eine Art performative Authentizität.

„Ich bin draußen. Halte mich fit. Schaut mal.“

Dann dachte ich an all die Accounts, die mir über die Jahre begegnet sind.
Zu viele Accounts, die eine Epidemie der Performance durchleben.
Menschen, die ihre Existenz auf externe Bestätigung optimieren, anstatt echten Mehrwert für sich und andere zu schaffen.

WARUM SICH VIELES HEUTE SO FALSCH ANFÜHLT

Ich erinnere mich an die LinkedIn-Profile, die mir 2025 auffielen.
Klar. Scharf. Selbstbewusst.

„Founder mit …“
„Strategischer Sparringspartner für Z.“
„Ich helfe X dabei, Y zu erreichen.“

Alles wirkte durchdacht und professionell.
Aber je länger ich ihre Postings beobachtete, desto weniger wusste ich, wer diese Menschen eigentlich waren.

Leere, KI-generierte Beiträge. Glatt und poliert.
Die Meinungen vorsichtig. Die Haltung immer so formuliert, dass sie möglichst viele mitnimmt und möglichst wenige stört.

Je mehr Accounts ich beobachtete, desto öfter sah ich dasselbe Muster:
Menschen lernen, wie man funktioniert, damit der Applaus reinkommt.
Aber sie lernen nicht, wofür man steht.

Was viele nicht merken: Positionierung ist kein Textproblem.
Es ist ein Identitätsproblem.

Wenn du nicht weißt,
- was dich wirklich triggert
- was du nicht mehr tolerierst
- wofür du Verantwortung übernimmst und einstehst

dann wird deine Positionierung immer angepasst sein.
Nicht, weil du falsch bist.
Sondern weil du dich selbst noch nicht klar genug siehst.

Also borgst du dir Sprache.
Ton.
Haltungen.

Und baust dir ein Profil, das funktioniert, aber dich innerlich auf Abstand hält.
Das ist Content mit Selbstverrat.

Ich habe auch Menschen gesehen, die am Anfang geschrieben haben, weil sie etwas zu sagen hatten. Gedanken. Zweifel. Beobachtungen.

Für viele kam dann der Moment:
„Ich polarisiere zu stark. Menschen reagieren negativ oder gar nicht.“

Also schauen auch sie danach, was besser performt und was der Algorithmus lieber mag.
Meinungen, die abgeschwächt wurden, um anschlussfähig zu bleiben.
Nicht aus Gier.
Sondern aus Hoffnung.
Hoffnung auf Sichtbarkeit.

Aber es ist nicht nur die Anerkennung, die diese Hoffnung birgt.
Denn hinter Anerkennung und Aufmerksamkeit liegt ein psychologisches Grundmuster.

DIE PSYCHOLOGIE DAHINTER

Neurowissenschaftlich betrachtet sucht dein Gehirn nicht primär „Glück“, sondern Vorhersagbarkeit und Stabilität - SICHERHEIT.
Ein zentraler Job des Gehirns ist es, den Körper zu regulieren (Energie, Stress, Sicherheit) und die Umwelt so gut zu antizipieren, dass du handlungsfähig bleibst – nicht, dass du permanent euphorisch bist.

Diese Perspektive wird in der Neurowissenschaft oft über Allostase beschrieben:
Das Gehirn organisiert vorausschauend deine körperliche Balance.

Und genau deshalb bleiben Menschen online in Dynamiken, die sie langsam auslaugen.
Nicht nur wegen Dopamin, Likes und Kick.
Sondern, weil das Bekannte sich sicherer anfühlt als das Unbekannte.

Es gibt sogar Forschung, die zeigt:
Ungewissheit kann stressiger sein als ein sicherer, unangenehmer Ausgang.
In einem Experiment war die Möglichkeit eines Schocks belastender, als zu wissen, dass er definitiv kommt.
Das Gehirn bewertet Unklarheit eben schnell als Risiko.

Und dann kommt der soziale Teil:
Wir sind nicht dafür gebaut, alleine zu funktionieren.
Zugehörigkeit ist ein grundlegendes menschliches Motiv. Historisch war „dazugehören“ oft gleichbedeutend mit Schutz.

Soziale Ablehnung oder der Verlust von Verbindung kann deshalb im Gehirn Stress- und „Schmerz“-Systeme triggern, die sich mit der Verarbeitung körperlicher Bedrohung überschneiden.

Heißt: Online-Sichtbarkeit ist nicht nur „Aufmerksamkeit“.
Sie kann sich wie Sicherheit anfühlen.
Wie ein Platz im Dorf.

Und Wachstum bedeutet dann nicht einfach „mutiger posten“.
Wachstum bedeutet, dein Nervensystem langsam umzuprogrammieren:
Dass Unsicherheit nicht automatisch Gefahr ist, sondern ein Zeichen dafür, dass du dich bewegst.

Kurz gesagt:
Lerne, Unsicherheit auszuhalten.
Nicht sofort zu glätten.
Nicht sofort zu optimieren.
Nicht sofort das zu wählen, was am wenigsten Reibung erzeugt.

Das Glatte, das Perfekt-Polierte fühlt sich wie Schutz an.
In Wahrheit ist es Anpassung.

Und hier beginnt die eigentliche Falle.

DIE ONLINE-FALLE

„Sobald du aufhörst, dich zu beweisen, beginnst du zu wirken.“
- Alan Watts

Soziale Medien haben dieses Muster nicht “erfunden” - offline existierte es schon immer.
Aber sie haben es massiv verstärkt.

Denn sie geben unserem Sicherheitsbedürfnis eine Bühne.
Und sie machen Zugehörigkeit messbar.

Es ist wie der eine Typ, den ich im Gym immer wieder sehe, der täglich Gym-Selfies postet, dessen Körper sich aber nie verändert, weil er für Content da ist und nicht fürs Training.

Oder das Mädchen mit der perfekten Morgenroutine-Ästhetik, das innerlich völlig ausgebrannt ist, weil das Aufrechterhalten dieser Performance sie zerstört.

Oder der „Entrepreneur“, der Businesszitate postet, aber kein Geld verdient,
weil er zu beschäftigt ist, Erfolg darzustellen, statt ihn aufzubauen.

Alle leben für die Dokumentation statt für die Erfahrung.
Und das Schlimmste:
Sie merken es nicht einmal.
Sie glauben wirklich, das seien sie.

Sie performen so lange, dass sie vergessen haben, was echt ist und was nur funktioniert.

Und genau hier gibt es auch wirtschaftlich einen Bruch.

Denn wenn du ständig versuchst, allen zu gefallen,
bleibt nichts, woran sich jemand wirklich binden kann.
Kein klares Profil.
Keine Haltung.
Kein Vertrauen.

Und das hat Konsequenzen.

Denn Menschen kaufen keine angepassten Fassaden.
Wenn alles weichgespült ist,
wenn jede Meinung anschlussfähig formuliert wird,
wenn nichts aneckt, gibt es auch nichts,
wofür jemand “stehenbleiben” würde.

Trotzdem machen so viele weiter.
Nicht, weil es funktioniert.
Sondern weil die Alternative sich gefährlicher anfühlt.

Denn das unausgesprochene Gesetz lautet:
„Wenn du nicht performst, existierst du nicht.
Wenn du nicht kuratierst, bist du irrelevant.“

Dieses Denken frisst mentale Energie.
Du bist ständig am Überwachen, Anpassen, Optimieren.
Diese Energie fehlt fürs echte Leben.
Und sie fehlt auch für dein Business.

Denn ein Business kann nicht wachsen,
wenn die Person dahinter sich selbst ständig reguliert,
anstatt klar aufzutreten.
Wenn Identität verhandelbar ist.
Wenn alles davon abhängt, wie es ankommt.

Und irgendwann weißt du nicht mehr,
wer du bist, wenn niemand zusieht.

Die Lösung ist, dass du anfangen darfst, dich ehrlich zu hinterfragen und zu handeln.

Stell dir Fragen:

  1. Mag ich meine Onlinepräsenz wirklich oder mag ich, was sie über mich aussagt?

  2. Würde ich das, was ich online zeige, auch zeigen, wenn niemand davon wüsste?

  3. Wer bin ich, wenn niemand zusieht?

Und tu das:

  1. Mach Dinge, ohne sie zu dokumentieren.

  2. Hör auf, für den Algorithmus zu leben.

  3. Entfolge performativen Accounts mit spürbarer Leere.

  4. Finde heraus, was du wirklich magst.

Das ist dein echtes Ich.
Und ja, es ist vielleicht weniger ästhetisch.
Aber es ist real.

Und nichts ist befreiender für dich und für echte Sichtbarkeit.

Du darfst heute beginnen.

Ich feuer dich 2025 schon an. 🙃 

Good luck, my friend

Deine

-Kristin

PS:
LinkedIn ist der einzige Ort, an dem jemand 88 Stunden verschwindet und zurückkehrt,
als hätte er eine Solo-Expedition in der Antarktis überlebt.

Also hey, du hast drei oder vier Beiträge verpasst.
Grund: Zeit mit deinen Liebsten.

Entspann dich.
Das war eine gute Entscheidung.

Du bist wieder da. 🫠