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Die düstere Seite von Sichtbarkeit in einer KI-Welt

Reichweite bringt nicht nur Applaus, sondern auch Reibung

Viele Menschen sagen im Moment, dass Wachstum vorbei ist.
Dass wertvoller Content tot ist.
Dass Künstliche Intelligenz alles übernommen hat und man als Creator keine Chance mehr hat, ohne mit der Masse mitzuschwimmen.

Auf den ersten Blick wirkt diese Annahme logisch. KI kann in Sekunden Anleitungen schreiben, Zusammenfassungen liefern und Texte produzieren, die oberflächlich korrekt klingen. Bildungsinhalte sind überall, und die technische Hürde, etwas zu veröffentlichen, ist praktisch verschwunden.

Doch wenn wertvoller Content wirklich tot wäre, dann wäre er nie wertvoll gewesen. Wert verschwindet nicht. Er verändert nur seine Form.

Die Inhalte, die dein Denken verschieben, die dein Verhalten langfristig beeinflussen, die du speicherst, wiederliest oder an einen Freund weiterleitest, existieren weiterhin. Sie sind nur schwerer zu finden, weil sie von einer Flut austauschbarer Texte überdeckt werden, die keine persönliche Spur tragen.

Genau deshalb fühlt sich so vieles heute gleich an. Man könnte den Namen des Creators austauschen, und niemand würde es merken. Es fehlt die innere Signatur. Es fehlt die Erfahrung hinter den Worten.

Warum Inhalte heute nach Form bewertet werden

Aus dieser Austauschbarkeit entsteht ein neues Verhalten beim Leser. Inhalte werden nicht mehr nur nach ihrem Inhalt beurteilt, sondern zunehmend nach ihrer Form.

Immer häufiger werden Texte vorschnell als KI generiert eingeordnet. Likes, Kommentare, … bleiben aus. Sichtbarkeit sinkt.

Dabei geht es selten darum, ob tatsächlich KI genutzt wurde. Entscheidend ist, wie vertraut und vorhersehbar ein Text wirkt.

Soziale Medien sind schnelllebig. Besonders auf textbasierten Plattformen wie LinkedIn entstehen Urteile innerhalb von Sekunden. Unser Gehirn erkennt Muster schnell und lehnt sie ebenso schnell ab.

„Jeder meint, dass seine Wirklichkeit die wirkliche Wirklichkeit ist.“

- Paul Watzlawick

Kurze Aufzählungen, Klammern, Bindestriche, strukturierte Absätze und klassische Frameworks, die Inhalte leicht erfassbar machen sollen, galten lange als bewährt. Heute verbinden viele Leser genau diese Muster mit generischem Content.

Auch wenn Texte deine Tonalität, deine Story, deine Perspektive, … tragen. Sobald eine “typische” Struktur erfasst wird, wird der Post aussortiert.

Die Ablehnung richtet sich nicht gegen Technologie, sondern gegen Inhalte ohne Herkunft. Struktur allein erzeugt keinen Wert. Frameworks allein erzeugen keinen Wert. Wert entsteht erst, wenn Struktur von Persönlichkeit getragen wird.

Creators wurden über Jahre darauf trainiert, objektiv zu sein, Fakten zu teilen und bewährte Modelle zu erklären. Das funktionierte, als Informationen knapp waren. Heute ist Objektivität der Normalzustand jeder Maschine.

Wert ist nicht objektiv. Wert entsteht in der Wahrnehmung des Lesers. Und diese Wahrnehmung wird durch Ziele geprägt.

10 Menschen können denselben Text lesen und etwas völlig Unterschiedliches daraus ziehen. Die Information bleibt gleich, der Wert nicht.

Organisches Wachstum ist langsam und genau deshalb stabil

Es gibt also keinen Content, der für alle wertvoll ist. Es gibt nur Content, der für Menschen mit einem bestimmten inneren Bedürfnis relevant ist.

Diese Menschen scrollen beiläufig durch soziale Medien, zwischen Ablenkung und Reizüberflutung. Zu glauben, dass ein einzelner Beitrag automatisch die richtigen Menschen erreicht, ist Hoffnung.

Organisches Wachstum entsteht nicht über Nacht. Es braucht Monate, manchmal länger. Es belohnt Tiefe, Wiedererkennbarkeit und Konsequenz, nicht Lautstärke.

Je klarer dein Ziel, desto kleiner dein Publikum. Je klarer deine Haltung, desto stärker die Bindung.

Vom ausführenden Creator zum gestaltenden Creator

Der Grund, warum sogenannter wertbasierter Content an Wirkung verliert, ist simpel. Er lässt sich heute ohne eigenes Denken erzeugen. Künstliche Intelligenz kann ihn reproduzieren, weil er keinen Geschmack, keine Haltung und keine Geschichte erfordert.

Doch das Werkzeug ist nicht das Problem. Die Frage ist, ob man ihm nur Arbeit überlässt oder auch Richtung.

Content bewegt sich vom ausführenden Creator hin zum gestaltenden Creator. Wert entsteht nicht durch das Tippen, sondern durch die Entscheidungen dahinter.

Schon lange vor Künstlicher Intelligenz gab es belanglosen Content. Das war kein technisches Versagen, sondern ein Mangel an Geschmack.

Geschmack ist die Fähigkeit, bewusst auszuwählen, was gesagt wird und was nicht.

Was tun, wenn Menschen deine Inhalte als KI abstempeln

An diesem Punkt stellt sich die praktische Frage: Was tun, wenn es immer Menschen geben wird, die deine Inhalte vorschnell bewerten und somit Reichweite sinkt.

Die ehrliche Antwort lautet: Du wirst sie nicht überzeugen und du musst es auch nicht.

Es wird immer Menschen geben, die einen einzelnen Beitrag sehen und daraus ein Urteil formen - ob mit oder ohne KI. Diese Menschen sind nicht dein Publikum. Sie sind nicht deine Kunden. Sie sind nicht deine Kooperationspartner.

Fakt ist: Sichtbarkeit bringt Reibung mit sich. Das ist kein Zeichen von Scheitern, sondern von Richtung. Hier ist, was du tun kannst:

1. Definiere, mit wem du wirklich arbeiten willst

Der entscheidende Schritt ist nicht, alle zu erreichen, sondern die richtigen Menschen.

Mach dir klar, mit wem du dich vernetzen willst. Wer sind deine Kunden? Wer sind mögliche Kooperationspartner? Mit wem willst du tiefe Verbindungen aufbauen?

Sobald diese Fragen beantwortet sind, verändert sich dein Fokus. Du versuchst nicht mehr zu gefallen, sondern zu verbinden.

2. Wachstum entsteht in echten Gesprächen

Organisches Wachstum basiert nicht nur auf Reichweite, sondern auf Vertrauen. Vertrauen entsteht nicht durch Algorithmen, sondern durch echte Gespräche.

Geh bewusst in den Austausch. Schreib Direktnachrichten, nicht um zu verkaufen, sondern um zu verstehen. Führe Gespräche in Online Calls oder über längere Nachrichtenverläufe. Triff dich Offline. Lerne Menschen kennen, statt sie zu kategorisieren.

Am Ende wächst nicht der Creator, der versucht, allen zu gefallen. Sondern der Creator, der weiß, mit wem er diesen Weg gehen will.

Wenn deine Geschichte klar ist, deine Tonalität wiedererkennbar und deine Vision spürbar, erreichst du die richtigen Menschen.

Organisches Wachstum ist möglich. Ein digitales Dorf ist möglich.

Good luck, my friend.

Deine

-Kristin